Die rote Fahne auf dem Schloss

Aktion und Kundgebung zum 08. November 1918, Abdankung des Herzogs

 

1918 – ein Jahr großer Veränderungen in Deutschland. Das Ende des Ersten Weltkriegs. Das Ende der Kaiserzeit. Ein Neuanfang. Dass dafür eine Revolution stattgefunden hat, die zu den Veränderungen der politischen Verhältnisse führte, wird oft nicht erzählt. Diese Ereignisse sind im kollektiven Bewusstsein wenig präsent – sie liegen, wie man sagt, im „Schatten der Erinnerungskultur“.

Deshalb erinnert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) daran, dass es vor 100 Jahren vor allem Arbeiter und Arbeiterinnen und viele Jugendliche waren, die als Subjekt der Geschichte hervortraten. Sie legten das Fundament für die erste Demokratie in Deutschland.

Mit der Revolution wurden eine Reihe von Grundrechten erstmals in der Geschichte Deutschlands durchgesetzt. Sie sind eine Selbstverständlichkeit für unser heutiges Demokratieverständnis. Aber die Erinnerung an die Ereignisse von 1918 ist mehr als ein historischer Rückblick. Sie ist auch ein Beitrag zu der Diskussion, welche Merkmale für eine Demokratie prägend sind und wie sie zu bewahren oder zu erreichen sind. Darum trägt dieses Projekt zur Novemberrevolution vorangestellt den Titel BAUSTELLE DEMOKRATIE.

Auch für andere Länder war es eine Zeit der revolutionären Bewegungen. In Russland hatte bereits 1917 die Oktoberrevolution zu einem Umbruch geführt. In der ersten „Internationalen Arbeiterassoziation“, die sich 1864 gründete, waren Arbeiterorganisationen aus verschiedenen Ländern miteinander vernetzt.

Gleichzeitig bildeten die Entwicklungen in Braunschweig eine Besonderheit. Die Abdankung des Herzogs wurde bereits am 8. November erzwungen und damit einen Tag früher als im Deutschen Reich. Die Braunschweiger Revolutionärinnen und Revolutionäre galten als radikaler in ihren Forderungen und aus heutiger Sicht erscheinen die Stimmung untereinander, die Unmittelbarkeit und Spontanität der Aktionen, die Klarheit ihrer Ziele und Konsequenz ihrer Handlungen bemerkenswert.

Innerhalb weniger Tage übernahmen sie die Macht, organisierten eine Regierung und hatten zu entscheiden über Fragen wie: Soll ein Parlament gewählt werden? Oder: Wie kann die Kartoffelernte beschleunigt werden? Sie erliessen Gesetze und rangen um den Weg in die Zukunft. Sie zeigten, dass Gesellschaft gestaltbar ist.

Enthusiastisch bezeichnete einer der bekanntesten Redakteure jener Zeit, Theodor Wolff, Chefredakteur des Berliner Tageblatts, die Ereignisse als die „größte aller Revolutionen“.

Aber obwohl die Novemberrevolution von 1918 in Deutschland – verglichen mit den Ereignissen in anderen Ländern – zunächst weniger blutig zu verlaufen schien, gehört sie immer noch zu den umstrittensten Ereignissen der neueren deutschen Geschichte. Die Arbeiterbewegung selbst sieht die Ereignisse zwar als Teil ihrer Geschichte, nimmt sie aber kaum als sinnstiftenden Umbruch für die eigene Identität an. Auch Historiker streiten über ihre Bedeutung – vor allem aufgrund des kurzen Bestands der parlamentarischen Demokratie. Das Scheitern der Weimarer Republik führt seither zu der Frage, inwieweit die Ursachen dieses Scheiterns bereits in der Entstehungsgeschichte der ersten deutschen Demokratie zu lokalisieren sind und inwieweit die Deutschen 1918/19 zu wenig Revolution gewagt hätten.

Worum geht es?

©Stadtarchiv Braunschweig

Das Projekt wurde gefördert
von den Gewerkschaften in Braunschweig GEW, IG Metall, NGG, ver.di,
der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Braunschweig,
der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen,
der Stadt Braunschweig innerhalb des Projektes „Vom Herzogtum zum Freistaat – Braunschweigs Weg in die Demokratie (1916 – 1923)“